Unerwartete Zünder, Christoph BauerUnerwartete Zünder Form, Farbe und Idee in Stephan Hasslingers Objekten
Stephan Hasslingers Objekte und die Welt der Dinge liegen nahe beieinander. Kenntlich machte der Künstler diese Verbindung selbst, als er im Jahr 2000 jene Arbeiten, die er im Verlauf seiner Arbeit als Stadtteilkünstler im Freiburger Rieselfeld schuf, zusammen mit jenen Alltagsgegenständen präsentierte, aus denen er seine Formen entwickelt hatte. Ganz selbstverständlich hingen da ein Teesieb, ein Föhnaufsatz, Kellen, Tücher, Schuhe und anderes mehr an einer Wand friedlich vereint mit farbigen Plastiken. Hasslinger selbst bezeichnet banale Alltagsgegenstände, die ihn anregen, als „Zünder“. Ihr sinnlich-visueller Reiz, bedingt durch die Wahrnehmung des Objekts als Form, löst den gestalterischen Prozess aus. Von Anfang an, also seit Stephan Hasslinger 1993 angefangen hat, mit und in Ton zu arbeiten, ist es insbesondere die Mode, die es ihm angetan hat. Die Kleidungsstücke selbst, aber auch deren Präsentation in Anzeigen, Warenkatalogen und Zeitschriften, wecken das Interesse des Künstlers. So gibt es Bodenarbeiten, die ihre Abkunft von hochhackigen Riemenschuhen oder Sandaletten weder verleugnen können noch wollen. Einzelne Wandarbeiten verweisen auf Schmuck, Broschen zum Beispiel, während Durchbrochenes die Erinnerung an elegante Spitzenstrümpfe oder gewirkte Söckchen evoziert. Dann wieder gemahnen weitere Werke an Taschen, Korsagen, Bustiers, Strickjäckchen oder an erotische Wäsche aus Lack und Leder. Die Titel zahlreicher Arbeiten, in denen Hasslinger Begriffe aus der Modewelt augenzwinkernd mit eigenen Wortfindungen kombiniert, stützen diesen Eindruck.
Selbstverständlich profitiert Stephan Hasslingers Arbeit von der Durchdringung der Sphären Kunst und Mode, welche insbesondere seit den achtziger und neunziger Jahren die vormals streng unterschiedenen Bereiche in ein Feld der Auflösung getrieben haben. An die Stelle klarer Kategorien ist das Cross over von Kunst- und Modewelt getreten. Vergleichbares gilt auch für Hasslingers Materialwahl. Wurden Ton, Keramik und Farbglasuren in der Moderne eindeutig dem Kunstgewerbe zugeordnet, so ist es den Bildhauern heute möglich, auf Materialien ausgreifen, die in Zeiten strenger Scheidung zwischen High und Low, Echt und Falsch tabu waren. Zugleich haben sich seit der Pop Art die Grenzen zwischen Kunst und Design verschoben; man denke nur an Entwicklungen in Italien, wo seit den späten sechziger Jahren die zuvor verbindlichen Prinzipien der „guten Form“ außer Kraft gesetzt wurden zugunsten dekorativer Wirkungen und ironischer Mischungen von Kunst und Kitsch. Der gleichzeitige, diskursive Verweis auf unterschiedliche Kontexte trägt wesentlich bei zur Haltung der Ironie, welche die zeitgenössische Bildhauerei auszeichnet. Die Ablösung des Gedankens von der Übertragung der (Hoch-)Kunst in den Alltag durch deren Adaption auf Gebrauchsgegenstände – eine Idee, welche die Vertreter der klassischen Moderne noch stark beflügelt und die Entwicklung des reduzierten Design maßgeblich bestimmt hat – machte dies möglich. Seither hat sich der Fokus umgekehrt: Formen des Alltäglichen gehen heute selbstverständlich in die Kunst ein, werden Teil von ihr. In diesem Sinne profitiert Stephan Hasslinger von den Grenzverwischungen der letzten Jahrzehnte.
Im Gegensatz aber zu zahlreichen Künstlern, die sich in den achtziger und neunziger Jahren mit dem Themenkomplex Kunst und Mode auseinander setzten, ist Hasslinger nicht wirklich an Formexperimenten am menschlichen Körper oder an Fragen sozialer Codierung interessiert. Distinktion, Inszenierung, Stilisierung, Haltungen, welche der Existenz Form geben, Konstruktionen von Gender, Gestaltung der eigenen Existenz als ästhetisches Projekt, Erotik und Sexualität zur Definition des Subjekts – all das klingt an und schwingt im plastischen Werk Stephan Hasslingers mit, ist aber nicht dessen eigentlicher Gehalt. Letztlich ist dem Künstler nicht am komplizierten Spiel des Bergens, Verbergens und Aufdeckens des Körpers unter „Spitze, Masche, Lack“, so der Titel der Freiburger / Konstanzer Ausstellung 2000, gelegen. Was Stephan Hasslinger tatsächlich interessiert ist die Lust am gestalteten Ding.
In den letzten Jahren sind Hasslingers Arbeiten sowohl freier wie komplexer geworden. Die Gegenstände, von denen der Gestaltungsprozess ausgeht, bleiben nach wie vor in der großen Gesamtform latent vorhanden, doch verdichten und verwandeln sich seine Objekte in der Arbeit mit dem Material nunmehr so stark, dass eindeutige Zuordnungen unterlaufen werden. Damit aber schiebt sich das Fremdartige stärker in den Vordergrund; wird die Transformation zum eigentlichen Gehalt seiner Plastik. Hasslinger, der nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien und in den Niederlanden studiert und dort andere künstlerische Auffassungen und Haltungen wie z.B. den vitalen Strang der Assemblage voller Witz und Ironie kennen gelernt hat, liebt „das Schräge“ (Hasslinger), das sich in der Transformation des Gegenstandes und im Verwandlungsprozess der Form einstellt: „Kunst passiert dann, wenn klare Zuordnung unterlaufen wird“ (Hasslinger).
An der Art und Weise, wie der Plastiker seine Mittel einsetzt, ist abzulesen, dass er die in mehrjähriger Erfahrung gewonnenen Möglichkeiten der Streckung, Überlängung und Dehnung, der Fragmentierung, Wiederholung und Überblendung, des Zerschneidens, Drehens und Neukombinierens nun noch intensiver nutzt. Die Strategie der Diskontinuität, gezielte Mehransichtigkeit und Wechsel der Blickwinkel, das Umkippen vermeintlich einfacher plastischer Formen in komplexe Gebilde, das überraschende, unerwartete Aufeinander-Beziehen einzelner Teile – all das bestimmt Hasslingers gestalterische Arbeit immer stärker. Einher geht dies mit technischen Erweiterungen und induktiven Ableitungen aus dem Material. Die Plastiken können nun größer, zugleich labiler werden, da die architektonische Konstruktion nach innen überführt wird und so die Oberfläche der Plastiken klar als Form behandelt werden kann. Die Gestaltform liegt, Haut oder Kleidern vergleichbar, über der Konstruktion, so dass sie vom Betrachter zuerst als ungebundene, selbstbezügliche, freie Form gesehen wird. Ja, in einigen Fällen fühlt man sich, der Weichheit und Buntheit der Formen wegen, erinnert an irrwitziges Zuckerbäcker- oder Konditorenwerk. Die Formpotentiale, welche im zunächst weichen Material Ton, die Farbpotentiale, welche in der bunten Fassung mit Glasuren und Lacken angelegt sind, werden spielerisch erprobt und ausgereizt. Dabei geht es Hasslinger nie um Geste oder Ausdruck, sondern die Steigerung des Bildhaften und des Objektcharakters seiner Arbeiten gleichermaßen. Geschlossene Formen werden gegen durchbrochene gesetzt, Kerne lauern tief unter Netzen, feste Formen werden gegen fragile und fließende, klar begrenzte Umrisse fließenden Binnenstrukturen entgegengesetzt, Leere wird gegen Fülle ausgespielt, Flächenformen kippen um in raumverdrängend-plastische und dreidimensionale Formen verlieren ihre Volumina unter artifiziellen Fassungen und glänzernd-schillernden Oberflächen. Indem Hasslinger seine Farbgebungen von mimetischen Überlegungen emanzipiert wird aus Farbe ein Mittel ästhetischer Differenz, Theatralik und Illusion. Lustvoll unterwandert der Plastiker Konventionen der Moderne und gängige Publikumserwartungen. Verpönte Gestaltungsmittel, die uns aber auf Grundlagen des Gestaltens zurückführen, feiern in Hasslingers Werk fröhliche Urständ: Hasslinger schmückt und dekoriert, rahmt ein, bringt Zierbändern auf, reiht und wiederholt ornamentale Motive, verstößt gegen Postulate der Materialgerechtigkeit, indem er das Material sublimiert und farbig fasst; ja, er geht gar so weit, feste Körper durch Silberfassungen aller Schwere zu entkleiden, so dass sie sich optisch aufzulösen. Weder das Ornament, noch die bunten Farbfassungen sind ihm bloß unselbständige Verzierungen. Sie sind mehr: Grundelemente menschlichen Gestaltens. Das heißt auch: „guter Geschmack“, reduzierte Form und Konzept sind Hasslingers Sache nicht.
Nicht das Gefestigte, Beruhigte, Sichere, Abgeschlossene der modernen Plastik ist Hasslingers Anliegen, sondern das Fließende, Bewegte, sehnsüchtig Drängende, das Surreale und Gärende faszinieren ihn. Schönheit muss nicht gezügelt sein; sie kann – immer noch – wuchern. Der Plastiker ist offensichtlich interessiert an der Gestaltung fremder, sinnlich-schöner, ja künstlicher Objekte, am spielerisch freien Umgang mit Form und Farbe, an Erfindung, Verfremdung und Kreation. Hasslingers Objekte oszillieren in einem Zwischenreich; sie sind Dinge, die sich, aus der Alltagswelt kommend, dorthin wohl zurück mogeln, in ihrer Fremdheit jedoch auch dort behaupten könnten. Als würden sie sagen: „Ich bin auch einer von Euch! Doch es stimmt nicht“ (Hasslinger). Die unbedingte Dominanz der Form und des Kolorits bedingen für Hasslinger die Lebendigkeit des Objekts. Da diesen Plastiken Wesenhaftes eignet, lässt sie der Künstler in der Präsentation gerne miteinander kommunizieren. Nicht abgeschlossene Einzelwerke werden in Linie und Reihe vorgestellt, sondern selbstbewusst auftretende, lebendige Individuen werden zu Ensembles arrangiert. Der Boden und die Wand, auf denen sie agieren, der Raum, in dem sie auftreten, werden zu Teilen des Werks. Im Raum, in dem sie sich auf den Betrachter, dessen Dimensionen und Proportionen beziehen, entwickeln sie ihr utopisches Potential von einer anderen, zwanglosen und sinnlichen Welt. Das ist die Idee dieser Objekte, dass sie, modellhaft, die Wirklichkeit übersteigen. Wenn die Dinge des Alltags ihre Funktion verlieren, dann werden sie widerständig. Wenn dem denkenden, beobachtenden Menschen auf seinen Wegen durch die medialisierte Dingwelt artifizielle, offene, verwirrend schöne Objekte – vergleichbar Wesen von fremden Sternen – körperlich entgegentreten, dann können sie ihn beflügeln. Wie nannte Hasslinger seine Dinge doch gleich: Zünder!
Christoph Bauer |